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Jeder Mensch hat Erkenntnisse. Bewusst oder unbewusst. Im Kleinen oder Großen. Zum Persönlichen oder Kollektiven.

Ich erlebe bewusst und habe erkannt, dass ich in jedem Moment sehe, höre, rieche, schmecke, taste, körperlich empfinde, fühle, denke, spüre und immerfort bin. Ich erkenne, dass die Bilder des Sehens kein Geräusch oder Klang sind, das Gehörte kein Geruch oder Geschmack, der Geruch kein Tasteindruck, mein Körperempfinden kein Fühlen, mein Fühlen kein Denken, mein Denken kein Spüren. Ich erkenne, dass von ‹meinem Leben› nichts übrig wäre, würde ich nichts erleben, und dass mein Erleben in zehn Bereiche geteilt ist, jeder mit seiner ganz eigenen Ausdrucksweise. So viele Eindrücke nehme ich auf! So viele Möglichkeiten habe ich! So vielschichtig ist mein Dasein!

Ich erkenne, dass ich mein Erleben aufgeteilt habe in einzelne Ströme, die Welt in unterschiedliche Orte und Dinge, das Leben in unterschiedliche Wesen. Zugleich ahne ich, dass jeder Mensch ein einziges, unteilbar fließendes Wesen ist. Immer wieder scheine ich aus einem Fluss herauszufallen. Ich bin wie ein Fahrzeug, dass auf der unendlichen Ebene der Entwicklung mit Licht läuft. Leider scheine ich die Bedienungsanleitung, die Orientierung und das Ziel meiner Reise vergessen zu haben.

Wie viel deines Lebens und Selbst hast du erkannt?

Der Elefant an der Kette (Geschichten zum Vorlesen Nr. 2)

Jedes Jahr besuchte der Junge den Wanderzirkus. Vor allem erfreute er sich an dem riesigen Elefanten, der mit seinem Rüssel Baumstämme heben konnte und einen Schlitten voll Zuschauer durch den Sand der Manege zog.

Nach der Schule ging er oft zur Wiese des Zirkus, die an das weite Umland grenzte, und besuchte den Elefanten. Der stand stets still mit einer dicken Kette um den hinteren Fuß. Die Kette war an einem Holzpflock befestigt. Einmal hatte er nach der Vorstellung gesehen, dass der Pflock nur kurz war und kaum tief in den Boden geschlagen wurde. Jedes Mal verwunderte sich der Junge über den kleinen Pflock, der den großen, starken Elefanten hielt.

Der Gedanke ließ den Junge nicht los, warum der Elefant nicht einen Schritt tat und den Pflock aus dem Boden zog. Er fragte seine Eltern und seine Lehrer, doch die wussten keine Antwort oder sagten, dass er wohl die Bestrafung fürchtete. Doch der Junge ahnte, dass der Elefant nicht einmal von seinen Möglichkeiten wusste!

Eines Tages traf er einen weisen Mann. Der hörte der Geschichte des Jungen zu und sagte: «Der Elefant hat die Kette schon seit seiner frühsten Kindheit. Damals war der Pflock stark genug für den jungen Elefanten.» Der Junge stellte sich vor, wie der kleine Elefant Tag für Tag an der Kette gezerrt hatte und immer wieder vergebens neue Anläufe und Wege gesucht hatte, sich zu befreien. Bis er sich eines schrecklichen Tages in sein Schicksal gefügt hatte.

Fortan überlegte der Junge, wie sich der Elefant befreien könnte. Nach und nach fielen ihm vier Wege ein. Für den ersten brauchte es eine Elefantendame, in die sich der Elefant verliebte und auf die er zulief. Für den zweiten Weg brauchte es einen zweiten Elefanten, der ihm sagte, dass er gewachsen sei und der Pflock noch immer der alte ist. Für den dritten Weg musste der Elefant nur einmal an sich selbst herunterschauen und den Pflock sehen, ohne in seinem Denken zu urteilen. Auf alle diese Geschehnisse wollte der Junge jedoch nicht warten.

Der Elefant stand wie jeden Tag auf der Wiese und sah den ihm bekannten Jungen mit einem Gegenstand unter dem Arm, um den ein Tuch gewickelt war, auf ihn zukommen. Der Junge stellte das Etwas hinter ihm auf der Wiese ab, kam vor ihn, holte Heu und hielte es ihm entgegen. Er machte einen Schritt vor, bis er das Sperren der Kette an seinem Fuß tastete und stehenblieb. Der Junge legte das Heu vor ihm ab und ging um den Elefanten zum Gegenstand. Der Elefant drehte den Kopf zum Jungen und sah, wie er das Tuch aufdeckte. Unter diesem war eine Glasschüssel und in dieser bewegte sich eine Maus. Der Elefant erschrak mächtig und machte einen Satz nach vorn. Schnell legte der Junge das Tuch wieder über die Schüssel. Der Elefant stand mit pochendem Herzen und wusste nicht, wie ihm geschehen war. Er ging noch einige Schritte und blieb dann erneut stehen. Er blicke an sich herunter, sah den losen Pflock am Ende der Kette und mit einem Mal erkannte er, dass er gewachsen war und der Pflock noch immer der alte war.

Der Elefant blieb beim Zirkus. Auch die Kette blieb. Die Wärter bemerkten eine Wandlung in ihm und schon bald war er weithin als der ‹lächelnde Elefant› bekannt. Immer mehr Kinder kamen vor den Vorstellungen zu ihm, was den Elefanten sehr freute. Eines Tages brachte der Wärter eine Elefantendame in den Zirkus und der Elefant verliebte sich in sie. Mit lachendem und weinendem Herzen zugleich sah er ein Jahr später zu, wie ihr junger Nachwuchs an der Kette zerrte und den Pflock nicht aus dem Boden gezogen bekam.

[frei nacherzählt aus: Jorge Bucay: Wie der Elefant die Freiheit fand, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2010]

PS: ‹Erkennen› ist eines der Worte mit der Vorsilbe ‹er›, siehe auch Anmerkung ‹erleben›. ‹Erkennen› bedeutet im Ursprung: «IHN kennen» und damit: «das Leben selbst kennen».

Sinne Trennstrich senkrecht A, Tusche Körper Trennstrich senkrecht B, Tusche denken Trennstrich senkrecht C, Tusche fühlen Trennstrich senkrecht D, Tusche spüren Trennstrich senkrecht E, Tusche wollen Trennstrich senkrecht A, Tusche brauchen Trennstrich senkrecht B, Tusche

Emotionen Trennstrich senkrecht D, Tusche wahr Trennstrich senkrecht C, Tusche Erkenntnis Trennstrich senkrecht B, Tusche Irrtum Trennstrich senkrecht A, Tusche Dimensionen Trennstrich senkrecht E, Tusche Übung

veröffentlicht am 6.4.2016, letzte Änderung am 10.5.2017 um 12:00 Uhr

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