jahnna Auge, Tusche

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erkennen

Mein Erleben wurde weit. In jedem Moment konnte ich nun die groben und feinen Ausdrücke meines Körpers empfinden, fein tasten, schmeckten, riechen, hören und sehen, mein eines, augenblickliches Gefühl in seinen Anteilen fühlen, die Gedanken hören und innerlich sehen, spüren und wach bewusst das reine, grenzenlose Sein erfahren.

Alles lag klar vor meinen inneren Augen. Alles, mit Ausnahme des Seins, wechselte ständig. Alle möglichen Symptome zogen durch meinen Körper, mir begegneten Menschen, Dinge, Wesen, Geschmäcke, Gerüche, Geräusche, Klänge und Anblicke mit all ihren Auswirkungen. Mein Gefühl zeigte mal Angst, mal Wut, mal Freude, Leid, Traurigkeit und mal war ich voller Liebe. Alle nur erdenklichen Gedanken und inneren Bilder zogen durch meinen Verstand und es eröffneten sich mir Welten des Spürens. Meine Leben war lebendig, voller Begegnungen und Herausforderungen.

Sinne, Körper, Fühlen, Denken und Spüren ist verbunden.

Ich erkannte, dass das Leben auch durch mein Denken zu mir spricht. Dass Denken eine Gabe ist. Dass die Natur es uns nicht gab, um es unentwegt still zu halten.

Ich machte es zu meinem Freund. Es nahm mein Angebot an und seinen Platz neben den anderen Erleben ein. Mit ihm gemeinsam begann ich, die Zusammenhänge der inneren, körperlichen und äußeren Geschehnisse zu untersuchen. Etwas Wundersames geschah: Mein Fühlen und Denken begann in mir liebevoll zusammenzuwirken!

Der Elefant an der Kette (Geschichten zum Vorlesen Nr. 2)

Jedes Jahr besuchte der Junge den Wanderzirkus. Vor allem erfreute er sich an dem riesigen Elefanten, der mit seinem Rüssel Baumstämme heben konnte und einen Schlitten voll Zuschauer durch den Sand der Manege zog.

Nach der Schule ging er oft zur Wiese des Zirkus, die an das weite Umland grenzte, und besuchte den Elefanten. Der stand stets still mit einer dicken Kette um den hinteren Fuß. Die Kette war an einem Holzpflock befestigt. Einmal hatte er nach der Vorstellung gesehen, dass der Pflock nur kurz war und kaum tief in den Boden geschlagen wurde. Jedes Mal verwunderte sich der Junge über den kleinen Pflock, der den großen, starken Elefanten hielt.

Der Gedanke ließ den Junge nicht los, warum der Elefant nicht einen Schritt tat und den Pflock aus dem Boden zog. Er fragte seine Eltern und seine Lehrer, doch die wussten keine Antwort oder sagten, dass er wohl die Bestrafung fürchtete. Doch der Junge ahnte, dass der Elefant nicht einmal von seinen Möglichkeiten wusste!

Eines Tages traf er einen weisen Mann. Der hörte der Geschichte des Jungen zu und sagte: «Der Elefant hat die Kette schon seit seiner frühsten Kindheit. Damals war der Pflock stark genug für den jungen Elefanten.» Der Junge stellte sich vor, wie der kleine Elefant Tag für Tag an der Kette gezerrt hatte und immer wieder vergebens neue Anläufe und Wege gesucht hatte, sich zu befreien. Bis er sich eines schrecklichen Tages in sein Schicksal gefügt hatte.

Fortan überlegte der Junge, wie sich der Elefant befreien könnte. Nach und nach fielen ihm vier Wege ein. Für den ersten brauchte es eine Elefantendame, in die sich der Elefant verliebte und auf die er zulief. Für den zweiten Weg brauchte es einen zweiten Elefanten, der ihm sagte, dass er gewachsen sei und der Pflock noch immer der alte ist. Für den dritten Weg musste der Elefant nur einmal an sich selbst herunterschauen und den Pflock sehen, ohne in seinem Denken zu urteilen. Auf alle diese Geschehnisse wollte der Junge jedoch nicht warten.

Der Elefant stand wie jeden Tag auf der Wiese und sah den ihm bekannten Jungen mit einem Gegenstand unter dem Arm, um den ein Tuch gewickelt war, auf ihn zukommen. Der Junge stellte das Etwas hinter ihm auf der Wiese ab, kam vor ihn, holte Heu und hielte es ihm entgegen. Er machte einen Schritt vor, bis er das Sperren der Kette an seinem Fuß tastete und stehenblieb. Der Junge legte das Heu vor ihm ab und ging um den Elefanten zum Gegenstand. Der Elefant drehte den Kopf zum Jungen und sah, wie er das Tuch aufdeckte. Unter diesem war eine Glasschüssel und in dieser bewegte sich eine Maus. Der Elefant erschrak mächtig und machte einen Satz nach vorn. Schnell legte der Junge das Tuch wieder über die Schüssel. Der Elefant stand mit pochendem Herzen und wusste nicht, wie ihm geschehen war. Er ging noch einige Schritte und blieb dann erneut stehen. Er blicke an sich herunter, sah den losen Pflock am Ende der Kette und mit einem Mal erkannte er, dass er gewachsen war und der Pflock noch immer der alte war.

Der Elefant blieb beim Zirkus. Auch die Kette blieb. Die Wärter bemerkten eine Wandlung in ihm und schon bald war er weithin als der ‹lächelnde Elefant› bekannt. Immer mehr Kinder kamen vor den Vorstellungen zu ihm, was den Elefanten sehr freute. Eines Tages brachte der Wärter eine Elefantendame in den Zirkus und der Elefant verliebte sich in sie. Mit lachendem und weinendem Herzen zugleich sah er ein Jahr später zu, wie ihr junger Nachwuchs an der Kette zerrte und den Pflock nicht aus dem Boden gezogen bekam.

[frei nacherzählt aus: Jorge Bucay: Wie der Elefant die Freiheit fand, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2010]

PS: ‹Erkennen› ist eines der Worte mit der Vorsilbe ‹er›, siehe auch Anmerkung ‹erleben›. ‹Erkennen› bedeutet im Ursprung: «IHN kennen» und damit: «das Leben selbst kennen».

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veröffentlicht am 6.4.2016, letzte Änderung am 17.11.2016 um 12:00 Uhr

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